Es reicht! Jetzt lege ich mich mit der ZEIT an …


kabartt

Eigentlich ist die ZEIT ja eine Zeitung, die ich zwar nicht unbedingt täglich lese (zumal sie nur wöchentlich erscheint) und zu der ich zwar nicht aufschaue aber doch hin und wieder hineinschaue - aber manchmal geht mir das Oberlehrergebahren der Zeitung mächtig auf die nicht vorhandenen Rockzipfel! In diesem Artikel wird wieder einmal, der diesmal allerendgültigste Niedergang des deutschen Kabaretts prophezeit. Es gibt ja quasi keine richtigen Kabarettisten mehr. Also keine, die nicht zumindest einmal im KZ gesessen hätten. Genau so ist das bei mir angekommen.

Ach, was rege ich mich eigentlich so auf: Dieses Gezeter der selbst ernannten Intellektuellen ist älter als das Kabarett selbst: Früher war alles besser! Das hat schon meine Oma gesagt. Und deren Oma auch. Merkt es euch ein-für-allemal: Es war nicht Besser - es war Anders! Das Leben verändert sich, es passt sich an. Der Kabarettist  passt sich dem Publikum an, das Publikum passt sich dem Angebot an. Alles im Leben fließt.

Niemals zuvor gab es ein größeres und breiteres Angebot an guter Unterhaltung - aber hinsehen (und hingehen) müsst ihr schon selber. Und ihr müsst es wahrnehmen wollen. Ignoranz, sagt Wikipedia, dass eine Person etwas – möglicherweise absichtlich – nicht kennt, nicht wissen will oder nicht beachtet. Und wer sagt oder andeutet, das es heute kaum mehr politisches Kabarett gibt, der ignoriert. Das hat Volker Pispers schon vor zehn oder mehr Jahren in seinem Programm gesagt. Und er zählte damals die für ihn namhaften Kabarettisten auf. Ich gestehe, ich habe seine Liste nicht mehr im Kopf - aber ich kann hier gerne meine Liste präsentieren - und ich bitte schon jetzt um Vergebung, für diejenigen Künstler, die ich schlicht und ergreifend vergessen habe. Und sortiert ist die Liste auch nicht, sondern so wie sie mir gerade in den Sinn kommen - die Künstler:

Volker Pispers
Bruno Jonas
Rainer Pause
Norbert Alich
Georg Schramm
Hagen Rether
Jürgen Becker
Mathias Richling
Richard Rogler
Urban Priol
Wilfried Schmickler
Dieter Hildebrandt
Mathias Tretter
Uwe Steimle
Arnulf Rating
Django Asül
Die Distel
Die Kneifzange
Die Stachelschweine
Die Wühlmäuse
Dieter Hallervorden
Die Arche
Thomas Reis
Gerhard Polt
Herkuleskeule
Josef Hader
Ken Bardowicks
Leipziger Pfeffermühle
Münchner Lach- Und Schießgesellschaft

… und ich bin sicher ich habe ganz, ganz viele vergessen …

Sehr geehrter Herr Kümmel (das ist der Autor des zwar nicht zeit- aber doch gedankenlosen Artikels): Wenn Ihnen das noch nicht reicht - und Sie diese  Künstler alle schon gesehen und negativ bewertet haben, dann melden Sie sich doch einfach bei mir und ich reiche Ihnen ein noch längere Liste gerne nach. Falls Sie sich nicht melden, gehe ich davon aus, das ich Sie eines Besseren belehren konnte.

Denn auch Oberlehrer können noch was lernen!

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7 Comments on "Es reicht! Jetzt lege ich mich mit der ZEIT an …"

  1. Kabrett
    Guddy
    02/10/2009 at 13:55 Permalink

    Der Zeit-Artikel ist ja ne echte Frechheit.
    Am meisten rege ich mich über die Angriffe gegen Hagen Rether auf.
    Ich habe ihn am 30. August in Erfurt erlebt. Viele andere hätten bestimmt gerade in Erfurt “gekniffen” und das Thema Amokläufe einfach weggelassen.
    Nicht so Hagen Rether. Er war top-aktuell übers Tagesgeschehen informiert (Abend der Landtagswahl in Thüringen) und hatte sich auch in der Stadt soweit umgesehen, dass er auch dazu einige Pointen brachte. Außerdem ist er jemand, der auch das ganz junge Publikum (Teenager-Alter) ansprechen kann. Er holt die Leute mit seinen Comedy-Elementen auf der Stufe eines Mario Barth oder Atze Schröder ab und führt sie dann zu den wirklichen Brennpunkten unserer Zeit.
    Hape Kerkeling mies zu machen, war auch nicht ratsam - zumal Hildebrandt selbst große Stücke auf ihn hält.
    Einen politischen Zustand als Ideal darzustellen, in dem Kabarett nur ängstlich andeuten darf, was es meint, halte ich für grenzwertig.
    Wie gut mussten die Pointen zu DDR-Zeiten versteckt werden, um durch die Zensur zu kommen! Als Idealzustand kann man das ja wohl nicht bezeichnen.

  2. Kabrett
    Guddy
    02/10/2009 at 20:13 Permalink

    PS.:
    Dummerweise kann ich die Webseite mit der Äußerung von Dieter Hildebrandt über Hape Kerkeling nicht wiederfinden. Ich hoffe, es war auch nicht ironisch gemeint.
    Hildebrandt hat auf jeden Fall Urban Priol und Georg Schramm “geadelt” indem er schon mehrfach in der “Anstalt” aufgetreten ist.
    Auch die Mitternachtsspitzen mit Jürgen Becker und Wilfried Schmickler haben immer den entsprechenden Tiefgang.
    Nicht zu vergessen Ottis Schlachthof, der ebenfalls seit vielen Jahren mit ähnlich honoriger Gästeliste aufwarten kann.
    Auch diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen!
    Wer allerdings nur von diesen Sendungen her die Leistungen der einzelnen Künstler bewerten will, ist schlecht beraten, da ja in der Kürze der dort möglichen Auftritte immer nur ein kleiner, oft aus einem größeren dramaturgischen Zusammenhang herausgelöster Teil des aktuellen Programms dargeboten werden kann.
    Auch darf nicht vergessen werden, dass es die heutigen Kabarettisten ja mit einer völlig veränderten Medienlandschaft zu tun haben.
    Die Hör- und Sehgewohnheiten des Publikums haben sich verändert und die Alternativen im Unterhaltungssektor sind im Vergleich zu der “guten alten Zeit” des Kabaretts ja ins schier unüberschaubare gewachsen.
    Nicht zu vernachlässigen ist auch ein gewisser wirtschaftlicher Aspekt.
    So ist es heute wohl kaum mehr möglich, ausschließlich Kabarett fürs Bildungsbürgertum zu machen, denn schließlich müssen die Kabarettisten ja auch von ihrem Beruf leben!

  3. Kabrett
    Kabrett
    03/10/2009 at 00:53 Permalink

    Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Du hast vollkommen Recht. Ich stelle mal die Vermutung auf, das derjenige der den Artikel geschrieben hat in der Zeit, seine Recherche fast ausschließlich im Fernsehen getätigt hat - anstatt einfach mal ein paar Kabarettprogramme selbst zu besuchen. Denn in diesem Punkt muss ich dem Autor zustimmen: Im Fernsehen ist Kabarett selten anzutreffen. Was mich aber auch kaum verwundert: Selbst mich, der Kabarett nun wirklich gern sieht, bleibe selten eine lange Zeit bei der Sache wenn es im Fernsehen gezeigt wird. Hagen Rether im Fernsehen ist auch für mich nur schwer längere Zeit erduldbar. Live kann ich ihm stundenlang zusehen. Und zwar sehr gerne! Das ist wie mit dem Theater: Niemand schaut sich ernsthaft eine ‘richtige’ Theateraufführung im Fernsehen an. Das muss man vor Ort erleben. Das Leichte wie Comdey oder auch das Schunkeltheater (Ohnsorg & Co.) das ist auch über den TV-Apparat vermittelbar.

    Sich ganz auf den Künstler einzulassen, ihm wirklich zwei bis drei Stunden bedinungslos zu opfern und dafür neue Ansichten zu gewinnen, das kann man nur im Kabarettsaal erleben.

  4. Kabrett
    fs
    13/10/2009 at 16:42 Permalink

    Ich kann der ZEIT nur zustimmen, und wer eine Liste von noch lebenden Kabarettisten anfertigt und dabei Mathias Richling nennt kann nicht erwarten dass man ihm beipflichtet.

    Besonders gut zeigt dieser Satz hier dass der Autor keine Ahnung von dem Unterschied zwischen Kabarett und Comedy hat “Niemals zuvor gab es ein größeres und breiteres Angebot an guter Unterhaltung - aber hinsehen (und hingehen) müsst ihr schon selber.”

    Um Unterhaltung geht es allerhöchstens in zweiter Linie. Um Georg Schramm zu zitieren: “Wenn dieser Abend in das belanglos fröhliche abgleitet, dann denke ich kommen Sie auch gut ohne mich aus.”

  5. Kabrett
    Kabrett
    13/10/2009 at 23:50 Permalink

    Oh - ich entschuldige mich in aller Offenheit dafür, dass ich mich unterhalten lasse, das ist ja sowas von ‘out’. Ich sollte mich wohl lieber belehren lassen von Besserwissern, Miesmachern und kleinkarierten Schreiberlingen und oberlehrerhaftem Getue. Wenn ich ins Kabarett gehe, dann will ich unterhalten werden - und zwar auf witzige und intelligente Weise. Ja - und manchmal darf es sogar albern sein.

    Noch ein Wort zu Mathias Richling: Ich mag seine Art Kabarett nun wahrlich nicht. Das ist mir zu viel Theater, was doch sehr stark vom Inhalt ablenkt. Aber darum geht es nicht: Niemand verlangt, dass wir alle Kabarettisten vergöttern. Jeder hat seinen Stil und seine Art - und bei dem mannigfaltigem Angebot sollte für jeden das Passende dabei sein.

    Aber wahrscheinlich nicht für denjenigen, der nur zurückblickt und sagt: Früher war alles Besser!

  6. Kabrett
    fs
    20/10/2009 at 17:19 Permalink

    Ich bin weder jemand der grundlos annimmt das gestern alles besser war, noch bin ich jemand der glaubt dass alles schlecht ist. Mein Maßstab sind die Ideale des Kabaretts. Und Unterhaltung spielt dort wie gesagt nur in zweiter Linie eine Rolle. Wenn du unterhalten werden möchtest, was dir niemand absprechen möchte, dann such besser woanders.

    Und Richling ist kein Kabarettist. Wenn Ottfried Fischer die Nußknackersuite aufführt ist das schließlich auch nicht einfach seine Art von Ballett oder sein Stil, sondern schlichtweg kein Ballett.

    Was du Miesmacherei nennst ist einfach nur die Forderung nach besseren Kabrettisten. Wenn du dich mit Mittelmaß begnügst mag das für dich in Ordnung sein. Ich habe allerdings wenig Verständnis dafür dass du es anderen nehmen möchtest mehr zu fordern. Und wieder ein Zitat frei nach Georg Schramm: “Das Recht auf Mittelmaß ist eine Forderung neben der selbst Mayer-Vorfelder wie ein Charakterkopf aussieht”

  7. Kabrett
    Kabrett
    02/11/2009 at 18:13 Permalink

    Die ‘Ideale des Kabaretts’ sind aber ein verdammt heeres Ziel - vor allem würde mich interessieren, wer diese ‘Ideale’ denn festgelegt hat. Oder habe ich tatsächlich ein Eu-Norm für artgerechtes Kabarett verpasst? Oder eine DIN, in der festgelegt wird, wer sich nun Kabarettist nennen darf oder nicht.

    Aber mal im Ernst: Kann man ein besseres Kabarett wirklich fordern? Wie heißt es doch so schön: Love it, Leave it or Change it. Was willst du mit Deiner Forderung nach einem besseren Kabarett erreichen? Meinst du Herr Richling setzt sich nach Deinem Kommentar oder dem Artikel der Zeit hin und schreibt besseres Kabarett? Bleibt also noch ‘Love it’ oder ‘Leave it’ - deine Entscheidung …

    Aber was mich wirklich interessieren würde: Du scheinst Herrn Schramm ja sehr zu respektieren, so oft wie du ihn zitierst. Woher hast du denn die ganzen Zitate?

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